Blog · 10. September 2026

Warum macht Schichtarbeit im Sicherheitsdienst auf Dauer krank?

Nicht die Nachtschicht selbst macht krank, sondern der Lebensstil, der sich ihr anpasst: unregelmäßiger Schlaf, Essen nebenbei, Zucker und Koffein als Energiequelle. Daraus wird eine Spirale, die man über Jahre nicht bemerkt – bis der Körper mit Anfang dreißig die Rechnung stellt. Wer Schichtdienst lange durchhalten will, braucht keine Diät und kein Fitnessstudio, sondern eine Basis, die in den Dienstplan passt.

Folge 6 von Mundtschutz ist anders als die bisherigen: Ich habe sie nicht bei einem Sicherheitsdienst aufgenommen, sondern bei der Ernährungsberatung Kohlemann in Walsrode, wo ich seit einem Jahr trainiere. Timo Kohlemann war 17 Jahre Chemikant im Vollkonti-Schichtdienst, Jan Eggers begleitet seit sieben Jahren Kunden aus allen Berufsgruppen, darunter viele Polizisten. Beide kennen das, was im Sicherheitsdienst Alltag ist: Nachtschicht, kein Tageslicht, Alarmverfolgung, permanente Erreichbarkeit – und Kaffee und Energy-Drinks als Normalzustand.

Mit Anfang zwanzig ist Nachtschicht das Beste

Jan beschreibt ein Muster, das er bei Polizisten immer wieder sieht:

„Anfang der Zwanziger, wenn sie gerade die Ausbildung abgeschlossen haben, sagen sie immer: Oh, Nachtschicht ist das Beste, was es gibt. Aber sobald sie irgendwie zehn Jahre drin sind, geht das rapide nach unten.”

Dann stört die Nachtschicht plötzlich, der Schlafrhythmus passt nicht mehr, die ersten körperlichen Symptome kommen. Bei Jan war das mit dreißig sichtbar, bei Timo mit einunddreißig. Und es kommt nicht als Knall, sondern als schleichender Prozess, den man selbst nicht bemerkt. Man nimmt nicht zehn Kilo in einer Woche zu, sondern anderthalb nach jedem Urlaub. Und irgendwann dienen Wochenenden nicht mehr der Erholung, sondern nur noch dazu, am Montag wieder zu funktionieren.

Die Negativspirale

Was im Schichtdienst passiert, beschreibt Jan als Kaskade:

„Unregelmäßiger Schlaf führt dazu, dass das Energielevel generell niedriger ist. Das führt dazu, dass man sich generell weniger bewegt oder bewegen möchte. Das führt häufig auch dazu, dass das Thema Ernährung nicht so läuft, und das wiederum führt zu weniger Energie und so weiter.”

Die Kompensation ist dann Essen, Zucker oder Alkohol: kurzfristig besser fühlen, langfristig mehr Schaden, noch mehr kompensieren. Mein Bild dafür im Gespräch war der Motor, den man dauerhaft auf sechstausend Touren hält: Man kommt schneller voran, aber der Motor ist auch schneller hin – erst recht, wenn zu wenig Sprit im Tank ist.

Interessant fand ich, dass es oft nicht am Zuviel liegt. Von über 800 betreuten Menschen, vom Profisportler bis zum Schauspieler, essen nach Jans Erfahrung die meisten viel zu wenig und viel zu unregelmäßig – und greifen deshalb bei Heißhunger zu dem, was gerade da ist: Pizza, Cola, das Bestellte im Team.

Training rettet keine Ernährung

Viele, die etwas ändern wollen, fangen im Fitnessstudio an. Timo hält das für den falschen Hebel:

„Ich brauche nicht hundertfünfzig Kilo stemmen, wenn ich dafür nicht die Ernährung in mir habe. Ernährung ist jeden Tag, und Training war meist nur ein, zwei Stunden in der Woche.”

Wer glaubt, das Training kompensiere die Ernährung, kommt nicht weiter, und der Frust wird größer. Es geht auch nicht um Diäten oder Pläne, sondern um ein paar Grundstrukturen, die Energie geben und in den Alltag passen: „Die Ernährung muss sich dem Alltag anpassen, nicht andersrum.” Und Extreme bringen niemanden ans Ziel. Jan und Timo vertreten 80/20: Wenn achtzig Prozent laufen, sind zwanzig Prozent nicht so wild – das Bier auf der Feier ist erst dann ein Problem, wenn es jede Woche stattfindet.

Was man selbst in der Hand hat

Den Dienstplan macht jemand anderes. Aber die Grenze wurde im Gespräch klar gezogen:

„Das, was du in deiner Kontrolle hast, ist das Thema Vorbereitung. Nehme ich mir etwas zu essen mit? Nehme ich mir was zu trinken mit? Gehe ich vielleicht vorher noch mal zum Sport? Das hast du in deiner Verantwortung.”

Arbeitgeber können mitsteuern – was im Snackautomaten liegt, ist eine Entscheidung. Aber die Verantwortung für das, was oben reinkommt, trägt jeder selbst. Und wer damit anfängt, muss die Sprüche der Kollegen aushalten, wenn er mit dem Proteinshake statt der Cola zur Schicht kommt. Spätestens wenn die Erfolge sichtbar werden, hört das auf.

Fazit

Für Unternehmer im Sicherheitsdienst ist das kein Wellness-Thema. Die Branche liegt bei rund siebzehn Krankheitstagen pro Jahr, bei Margen, die keinen Ausfall verkraften. Jeder Krankheitstag, der nicht stattfindet, ist für den Mitarbeiter gut und für den Unternehmer. Der Schichtdienst wird nicht verschwinden. Aber ob er einen Mitarbeiter nach zehn Jahren verbraucht hat oder nicht, entscheidet sich an dem, was er sich jeden Tag mitnimmt – und daran, ob jemand ihm das mal gesagt hat.

Das ganze Gespräch mit Timo Kohlemann und Jan Eggers gibt es in Folge 6 von Mundtschutz.

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