Blog · 24. September 2026

Wie erkennt man Erschöpfung im Schichtdienst, bevor es zu spät ist?

Erschöpfung im Schichtdienst kündigt sich an: immer mehr Erholungsbedarf, immer weniger Energie für die Arbeit, ein innerer Widerstand vor jeder Schicht, ein Körper, der nach dem Dienst nicht mehr runterfährt. Wer diese Signale über Jahre unterdrückt, landet nicht bei einem Burnout, den man belächeln kann, sondern mit Panikattacken in der Klinik. Der Schichtdienst ist dabei nicht das Problem – er ist der Brandbeschleuniger für einen Lebensstil, der nicht trägt.

In Folge 6 von Mundtschutz habe ich mit Timo Kohlemann gesprochen, heute Ernährungsberater und Personal Trainer in Walsrode. Vorher war er siebzehn Jahre Chemikant in einem großen Chemiekonzern, davon viele Jahre in der Leitwarte, im Vollkonti-Schichtdienst, mit Sprengstoffen. Was er beschreibt, kennt jeder, der schon einmal in einer Notruf- und Serviceleitstelle gesessen hat: eine Videowand, fünf oder sechs Leute, zwölf Stunden am Sonntag, und mit einem Ohr immer bei den Alarmen.

Die ersten dreizehn Jahre war gar nichts

Das Bemerkenswerte an Timos Geschichte ist, wie lange sie gut ging. Dreizehn Jahre hat ihm die Arbeit Spaß gemacht. Dann wurde der Konzern verkauft, es wurden weniger Leute bei mehr Leistungsdruck:

„Wir mussten immer Zahlen einhalten, und im Endeffekt sind da aber Menschen. Die Menschen sind nicht jeden Tag hundert Prozent belastbar, und wenn es ihnen mal schlecht ging, mussten sie trotzdem funktionieren. Und da verheizt du die Menschen.”

Er war einer davon, obwohl er zu den Jüngsten gehörte. Die Signale kamen schleichend: mehr Unruhe, mehr Erholungsphasen, weniger Energie für eine Arbeit, die volle Konzentration verlangte. Und ein innerer Kampf vor jeder Schicht: „Wie soll ich das heute schaffen?”

Hinter dem Glascontainer

Wie weit das gehen kann, zeigt eine Szene, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht:

„Wenn ich nach einem langen Nachtschichttag nach Hause fahren wollte, musste ich für einen acht Kilometer Autoweg manchmal zwei Stunden Pause machen. Ich habe hinter dem Glascontainer mit dem Auto geschlafen. Rücksitz zurück, weil ich es nicht mehr nach Hause geschafft habe.”

Und trotzdem hat er weitergearbeitet. Die Wochenenden dienten nur noch dem Liegen. Im September 2017, mit 31, kam der Morgen, an dem er beim Schuhezubinden merkte, dass etwas nicht stimmt. Im Urlaub entwickelte er Panikstörungen bis hin zu Todesängsten, dann taube Beine im Wasser. Die Klinik vor Ort stellte einen viel zu hohen Cortisolspiegel fest. Zurück in Deutschland ging es in eine Stressklinik. Über ein halbes Jahr fiel er aus.

Der falsche Ausweg

Was mich am meisten überrascht hat: Sport hat es schlimmer gemacht.

„Sport hat mir kurzzeitig Stress genommen, hat aber mein Nervensystem noch weiter aufgepusht. Das heißt, Sport war in dem Moment der falsche Ansatz. Ich hätte eher Entspannung gebraucht.”

In der Klinik hat es fünfeinhalb Wochen gedauert, bis sein Körper auf die Therapie überhaupt reagierte. Was er dort lernen musste, war der Unterschied zwischen Anspannung und Entspannung – nach Jahren in einer permanenten Alarmbereitschaft, wie sie jeder kennt, der nachts die Alarme im Blick behalten muss. Das ist auch die Warnung für alle, die im Sicherheitsdienst sechs Tage die Woche arbeiten und dreimal die Woche ins Studio gehen: Wer im Feuer steht, löscht nicht mit Benzin.

Nicht der Schichtdienst war das Problem

Timo zieht heute eine Grenze, die ich wichtig finde, weil sie den Job nicht verteufelt:

„Dieser Schichtdienst war eigentlich nicht das Problem an sich, sondern mein Lebensstil, der sich dem angepasst hat. Der war so ein Brandbeschleuniger.”

Man kann Schichtdienst gut wegstecken, wenn die Basis stimmt – Ernährung, Bewegung, Regeneration. Er hat sie sich nach der Klinik selbst gebaut, seinen Lebensstil komplett geändert und aus dem Tiefpunkt einen neuen Beruf gemacht. Auf seinem Vorher-Foto sieht er älter aus als heute.

Fazit

Für Inhaber von Sicherheitsdiensten ist das keine Privatsache der Mitarbeiter. Im Konzern fiel Timos Ausfall kaum auf, weil das Team groß war. In einem kleinen Betrieb bricht mit einem Mann, der ein halbes Jahr fehlt, ein Revier weg. Die Signale sind bekannt: immer mehr Erholungsbedarf, schwindende Energie, Widerstand vor der Schicht, ein Körper, der nach dem Dienst nicht mehr abschaltet. Wer sie bei sich oder seinen Leuten erkennt, hat noch Zeit, etwas zu ändern. Wer sie belächelt, bekommt sie irgendwann in der Klinik erklärt.

Das ganze Gespräch mit Timo Kohlemann und Jan Eggers gibt es in Folge 6 von Mundtschutz.

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