Nein. Ein Sicherheitsdienst, der jeden Auftrag annimmt, bezahlt das mit seinen Mitarbeitern – und am Ende mit der Qualität. Wer dagegen Aufträge und sogar Kunden vorqualifiziert, gewinnt dreifach: Die Mitarbeiter bleiben, weil sie nicht verheizt werden. Die Kunden bekommen Leistung, die wirklich erbracht werden kann. Und der Unternehmer behält die Kontrolle über sein eigenes Geschäft.
In Folge 5 von Mundtschutz habe ich mit Nick Mittag gesprochen, Geschäftsführer der CON Sicherheit & Service GmbH aus dem Berliner Raum. Nick ist 2005 als Ordner beim Fußball in die Branche gerutscht und hat als Angestellter erlebt, wie es läuft, wenn Menschen als reine Verfügungsmasse behandelt werden. Seine Konsequenz als Unternehmer: Er sucht seine Aufträge danach aus, ob sie zu seinen Mitarbeitern passen – nicht umgekehrt.
Keine Superhelden
Nicks Grundsatz klingt simpel, ist in der Branche aber alles andere als selbstverständlich:
„Wir sind ja alle keine Superhelden. Wir sollen auch keine Superhelden sein in der Sicherheit.”
Deshalb macht CON zwar Objektschutz und Baustellenbewachung bis nach Düsseldorf und Hamburg, bei Veranstaltungen aber bewusst Privatfeiern und kleinere Dorffeste – und nicht die Berliner Ecken, an denen es erfahrungsgemäß schnell eskaliert. Seine Mitarbeiter sind Familienväter und Familienmütter, und bestimmte Anrufe will er schlicht nie führen müssen:
„Solche Anrufe möchte ich nicht machen – den Mann anrufen: Hör zu, deine Frau liegt jetzt im Krankenhaus. Von daher gehe ich diesen Weg erst gar nicht. Nicht aus Angst, sondern aus Respekt gegenüber meinen Mitarbeitern.”
Der Acker im Winter: Wie man richtig Nein sagt
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt eine Anfrage aus der Zeit der Flüchtlingsunterbringung: Ein Ackerfeld am Berliner Stadtrand sollte bewacht werden, mitten im Winter – bevor die geplante Traglufthalle überhaupt stand. Kein Zaun, kein Container, kein Wärmeschutz, kein Dixi-Klo. Zwölf-Stunden-Dienste.
Nick hat nicht pauschal abgesagt – aber auch nicht zugesagt:
„Hier mache ich das von meinen Mitarbeitern abhängig. Entweder wollen sie das machen oder sie wollen das nicht machen. Wenn ich das erfragt habe, habe ich ein Kontingent an Mitarbeitern, die das machen können – das plane ich dann so. Wenn das nicht ausreicht, vielleicht noch mal Partnerunternehmen. Aber wenn es generell nicht ausreicht, dann mache ich das halt nicht.”
Das ist der Kern seiner Auftragsauswahl: Die Entscheidung liegt bei denen, die die Schicht tatsächlich stehen müssen. Druckmittel wie die angedrohte Kündigung – „das muss jetzt” – gibt es bei ihm nicht.
Auch der Kunde wird vorqualifiziert
Bemerkenswert fand ich, dass Nick den Begriff der Präqualifikation umdreht. Normalerweise müssen sich Sicherheitsdienste beim Auftraggeber qualifizieren – bei ihm gilt das in beide Richtungen:
„Selbst den Kunden muss ich präqualifizieren. Nicht, dass der jetzt Sachen erwartet, die ich oder meine Mitarbeiter gar nicht leisten können oder gar wollen.”
Was passiert, wenn man das nicht tut, zeigt seine Anekdote über einen Auftraggeber, dem er bei einem kurzfristigen Personalausfall ausgeholfen hat: Schichtbeginn acht Uhr, Anruf um neun, Nicks Mitarbeiter fährt sofort los – quer durch Berlin, angekündigt mit rund anderthalb Stunden Fahrzeit. Als er wenige Minuten später als angekündigt eintrifft, will der Kunde die Verspätung sanktionieren.
„Okay – das heißt, ich unterstütze dich, und du willst mich dafür noch bestrafen? Das kann ja nicht sein. Dann schicke ich die Mitarbeiter nach Hause.”
Den Mitarbeiter hat er für die Anfahrt selbstverständlich bezahlt. Den Kunden hat er ziehen lassen.
Fazit
Aufträge ablehnen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Führung. Wer Einsätze am eigenen Personalstamm ausrichtet, die Entscheidung über Grenzfälle den Mitarbeitern überlässt und Kunden genauso prüft wie umgekehrt, arbeitet nicht weniger – er arbeitet mit Leuten, die bleiben. Und er muss sich weder von Kunden erpressen lassen noch nachts Anrufe führen, die niemand führen will.
Das ganze Gespräch mit Nick Mittag gibt es in Folge 5 von Mundtschutz.